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Empfehlungen der Redaktion
Uwe Tellkamp - Der Turm
Deutscher Buchpreis 2008
Das ist er wohl - der große Wenderoman, der von der Literaturkritik lange herbeigesehnte. Große Literatur ist es gewiss! Dieser Roman wird die Saison überdauern und in die deutsche Literaturgeschichte eingehen. Auf fast eintausend Seiten zeigt uns der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2008 das Dresdner Bildungsbürgertum zwischen 1982 und 1989. Wir erhalten Einblicke in den Alltag und die Gedanken eines Chirurgen, eines Lektors, eines Schülers (und später Studenten bzw. Armeeangehörigen) und vieler anderer interessanter Charaktere. Mit viel Detailkenntnis und manchmal ausuferndem Beschreibungswahn entwirft Uwe Tellkamp ein großes DDR-Panorama. Keine leichte Lektüre, nicht immer an allen Stellen sofort verständlich. Über dieses Monumentalwerk des sprachgewaltigen Autors werden sich in Zukunft noch viele Abiturienten den Kopf zerbrechen und ihre Synapsen zum Glühen bringen.
Klappentext: Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der »süßen Krankheit Gestern« der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze - oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der »roten Aristokratie« im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk »Ostrom«, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird. In epischer Sprache, in eingehend-liebevollen wie dramatischen Szenen entwirft Uwe Tellkamp ein monumentales Panorama der untergehenden DDR, in der Angehörige dreier Generationen teils gestaltend, teils ohnmächtig auf den Mahlstrom der Revolution von 1989 zutreiben, der den Turm mit sich reißen wird.
Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-42020-1, gebunden, 976 Seiten, 24,80 €
Martin Walser - Ein liebender Mann
Ein mutiges Projekt
Martin Walser riskiert mit seinem neuen Roman “Ein liebender Mann” den Vergleich mit Thomas Manns “Lotte in Weimar” und letztlich sogar mit Goethe selbst. Er schildert in diesem Roman Goethes letzte große - unerwiderte - Liebe zur vierundfünfzig Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow. Walser gelingt es dabei vortrefflich die Handlung und vor allem die Gefühle - Goethes Gefühle - authentisch erscheinen zu lassen. Er trifft den richtigen Ton, sodass wir uns während des gesamten Romans ganz bei Goethe fühlen. Wir haben das Gefühl, dass wir sein Tagebuch lesen - auch wenn der Roman in der dritten Person geschrieben worden ist. Erst mit dem letzten Satz beraubt uns Walser unserer Illusion. Er weckt uns quasi auf und ruft uns zu: “Hallo, aufwachen! Ich war’s, der Walser! Alles nur Fiktion.” Doch trotz des letzten Satzes - dieses Buch hält dem Vergleich mit Thomas Mann stand. Ein großer Wurf.
Verlagsinfo: Der 73-jährige Goethe – Witwer und so berühmt, dass sein Diener Stadelmann heimlich Haare von ihm verkauft – liebt die 19-jährige Ulrike von Levetzow. 1823 in Marienbad werden Blicke getauscht, Worte gewechselt, die beiden küssen einander auf die Goethe’sche Art. Er sagt: Beim Küssen kommt es nicht auf die Münder, die Lippen an, sondern auf die Seelen. «Das war sein Zustand: Ulrike oder nichts.» Aber sein Alter holt ihn ein. Auf einem Kostümball stürzt er, und bei einem Tanztee will sie ein Jüngerer verführen. Der Heiratsantrag, den er Ulrike trotzdem macht, erreicht sie erst, als ihre Mutter mit ihr nach Karlsbad weiterreisen will. Goethe, mal hoffend, mal verzweifelnd, schreibt die «Marienbader Elegie». Zurück in Weimar, lässt ihn die eifersüchtige Schwiegertochter Ottilie nicht mehr aus den Augen. Martin Walsers neuer Roman erzählt die Geschichte einer unmöglichen Liebe: bewegend, aufwühlend und zart. Die Glaubwürdigkeit, die Wucht der Empfindungen und ihres Ausdrucks – das alles zeugt von einer Kraft und (Sprach-)Leidenschaft ohne Beispiel.
Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-498-07363-3, Gebunden, 288 Seiten, 19,90 €
Hans Magnus Enzensberger - Hammerstein oder Der Eigensinn Eine deutsche Geschichte
Verlagsinfo: Ein großes Werk über die verhängnisvollste Periode der deutschen Geschichte und über die herausragende Gestalt eines Mannes, dessen Biographie bislang nicht geschrieben wurde. Hans Magnus Enzensberger hat die Geschichte des Generals Kurt von Hammerstein aus allen erreichbaren Quellen recherchiert und entfaltet sie in einem Genre, das er beherrscht wie kein zweiter: in der literarischen Biographie. Kurt von Hammerstein war Chef der Reichswehr, ein Grandseigneur, ein unerschütterlicher Gegner des Nationalsozialismus, ein unbestechlicher Zeuge des Untergangs seiner Klasse, des deutschen Militäradels. Seinen Abschied nahm er, nachdem Hitler seine Weltkriegspläne 1933 in einer Geheimrede offengelegt hatte. Aber es geht auch um die Lebensläufe seiner Frau und seiner sieben Kinder: gezeichnet von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, von Verrat, Widerstand, Spionage und Sippenhaft. Und nicht zuletzt geraten jene Personen ins Fadenkreuz, die zu einem gefährlichen Doppelleben gezwungen waren: vom letzten Reichskanzler der Weimarer Republik über die Agenten der KPD bis zu jener Drogistin, die in Kreuzberg Deserteure und Juden versteckte. Hammerstein ist nach Der kurze Sommer der Anarchie und Requiem für eine romantische Frau Enzensbergers dritte literarische Biographie, in der die Selbstbehauptung des Einzelnen gegenüber kollektiven und autoritären Zumutungen im Zentrum steht. Für dieses Buch hat der Autor die Archive von Moskau bis Berlin, von München bis Toronto befragt. Doch behält für ihn das Dokument nicht das letzte Wort. In einem vielfältigen Werk verbindet sich erneut die Recherche mit der Freiheit des Autors, sich der historischen Wirklichkeit auch über Fiktionen zu nähern.
Suhrkamp, ISBN 978-3-518-41960-1, gebunden, 375 Seiten, 22,90 €
Ulf Nilsson / Eva Eriksson - Als wir allein auf der Welt waren
Rezensentin: Angelika Wiedmaier
Unser kleiner Held lernt gerade die Uhr. Das ist am Anfang wahrlich nicht einfach. Aber eines weiß er ganz bestimmt: er wird jeden Tag um drei Uhr abgeholt. Heute aber kommt keine Mama und kein Papa. Was mag wohl geschehen sein? Als er an sein Haus kommt, ist die Wohnungstür abgeschlossen, weit und breit kein Mensch. Die vertraute Welt beginnt plötzlich zu wackeln. Wo sind die Eltern? Kommen sie nie wieder? Ist er jetzt ganz allein auf der Welt? Nein, er ist nicht allein, denn im Kindergarten ist sein kleiner Bruder. Um den muss er sich unbedingt kümmern, wenn die Eltern nicht mehr da sind. Ihm soll es an nichts fehlen. Und er soll nicht bemerken, was passiert ist. Kurzentschlossen geht er zum Kindergarten und nimmt den kleinen Bruder mit. Da die beiden jetzt kein Zuhause mehr haben, wird der Ältere für ein neues Heim sorgen. Mit Zaunbrettern baut er eine Hütte, aus einem Karton wird ein Fernseher gemacht. Sogar fürs Fernsehprogramm wird gesorgt: Er spielt seinem kleinen Bruder etwas vor, indem er im Karton Faxen macht, bis beide herzlich lachen. Das geht eine Zeit lang gut, aber von einer Sekunde zur anderen schlägt die Stimmung um und die beiden Kinder bemerken ihre desolate Lage. Sie fangen an zu weinen, weil sie so allein sind. „Anderes Programm“, fordert der Kleine. Auch der Große hätte gern ein anderes Programm. Nur weiß er im Moment auch nicht weiter. Plötzlich lugt ein Kopf zur Bretterhütte herein. Mama ist wieder da! Papa ist auch da! Hat da vielleicht jemand die Uhr noch nicht richtig lesen können? Die beiden Kinder werden liebevoll auf den Arm genommen und zurück ins Haus getragen – über die Schulter geht ihr ungläubiger Blick aufs zusammenkrachende Bretterhaus.
Autor und Illustratorin können sich wunderbar in die kindliche Psyche, in ihre Ängste und Nöte hineinversetzen. Genial sind nicht nur die kindlichen Erklärungsmuster (die Eltern sind sicher unter einen roten Laster gekommen), sondern auch die Problemlösungen: Man braucht erst mal einen Fernseher und Knabberzeug! Dann ist die Welt wieder in Ordnung.
Das Duo Nilsson/Eriksson bearbeitet auch hier wieder schwierige Themenkomplexe. Verlassensein, Angst, Mut, Verantwortung und Selbstständigkeit werden einfühlsam und nicht ohne Humor zur Sprache gebracht. Beeindruckend sind die aquarellierten Illustrationen von Eva Eriksson, die durch das liebevolle Erfassen der typisch kindlichen Physiognomie viel zum Gelingen des Buches beitragen. Reizend sind die kugelrunden Stupsnäschen, der Schnullermund und die gewölbten Kinderbäuchlein. Erikssons Bilder verlieren sich nicht im Detail, sondern konzentrieren sich ganz aufs Wesentliche. Und das ist wirklich meisterhaft gelungen!
Ab 4 Jahre
Moritz Verlag, ISBN 978-3-89565-212-7, gebunden, 40 Seiten, 12,90 €
Verlagsinfo: „Dein Leben soll kalt sein – darum darfst du keinen Menschen lieben!“ Das ist der Preis, den der geniale Komponist Adrian Leverkühn dem Teufel dafür bezahlen muss, dass ihn die Inspiration nicht mehr verlässt. Die Regie von Leonhard Koppelmann hält gekonnt die Balance zwischen der dämonisch-düsteren Grundstimmung und den humoristischen Zwischenakkorden. Gemeinsam mit dem Komponisten Hermann Kretzschmar lässt der Regisseur einen klanggewaltigen Hörfilm mit musikalischer Tiefenschärfe abrollen, bei dem Dialogszenen, Erzählertexte, Musik und Geräusche harmonisch zusammenklingen.
Der Hörverlag, ISBN 978-3-86717-075-8, 10 CDs, Gesamtlaufzeit 774 Minuten, 49,95 €
Eine Rezension von Karl-Heinz Schreiber, Literaturzeitschrift “KULT”:
Norbert Sternmut - Nachtlichter
„Ich weiß, / Ich entkomme aus mir. / Aus dieser Stimme, dieser Haut. / Diesem Wunsch nach Einigkeit.“ Mit diesen Zeilen auf der Rückseite präsentiert uns Sternmut seinen neuen Lyrikband und das immer wieder (nicht nur) in der modernen Literatur virulente Problem der Identität bzw. der Integrität einer sich selbst bewussten Persönlichkeit. Schon die Behauptung „Ich weiß ist kühn, denn sie etabliert ein „Ich“ (dessen Existenz ja in der modernen Philosophie / Psychologie / Hirnforschung umstritten ist), wie es an Sokrates und Descartes mahnt. Dann heißt es wohlweislich nicht „ich komme“, sondern „ich entkomme aus mir“ – eventuell doch eine sprachlich riskante Doppeldeutigkeit?! Die Modellvorstellung ist ja ebenso unvermeidlich wie absurd: um sich zu entfliehen, muss man erst existieren. Versteckt ist hier auch die Frage nach dem Sein-Wollen. Mit der „Stimme“ und der „Haut“ werden relative Äußerlichkeiten einer Identität benannt. Die „Einigkeit“ kann als Voraussetzung und als Zielvorstellung gelten: ich brauche sie, um mich mit mir aus-ein-ander-zu-setzen. Identitätsfindung (Identitätsfahndung?) ist eben ein dialektischer Vorgang: These (Ich weiß“) – Antithese („entkomme“) -Synthese („Wunsch nach Einigkeit“). Dieser Prozess ist hier kurz und prägnant wie selten in (noch dazu) lyrische Worte gefasst. Nun könnte man obige Zeilen noch weiter bedenken und analysieren – allerdings muss man einen Lyrikband auch erst einmal komplett durchlesen mit großzügiger Aufmerksamkeit, um zu sortieren nach Texten mit unterschiedlichem sprachlichem, thematischem und existentiellem Tiefgang. Die Kunst besteht ja immer darin, etwas Innerliches mit etwas Äußerlichem auszusagen, etwas Allgemeingültiges durch etwas Besonderes – und das in einer jeweils eigenen Sprache. Und da sind wir eben bei Sternmut richtig, er weiß um den „sonderbaren / Grenzverlauf der Hirnhälften“, er bewegt sich im „Sumpfgebiet meiner Ahnung“, er findet das Wesen einer Angelegenheit „in sich mit anderen Worten“. Und schließlich die erschreckende Erkenntnis: „Nichts ist wahr wie es ist.“ Und der „Samenstrahl der Sprache“ ist ausgeliefert dem „Waffenblick der Wirklichkeit“. Es hilft nur die „Selbstmutmachung“ während wir den „Sekundentanz des Bewusstseins“ erleiden im „Dschungel der Vorstellung“. Und immer müssen wir so tun, „als gäbe es Aussicht / auf Wirklichkeit“, als sei „die innere Welt ausgelotet“, aber „das eigene Ich / die innere Verwerfung“ bringt uns bestenfalls in „Nichtsnichts des Gesprächs“. Da existieren wir in der Kommunikation mit dem Universum am Vereinigungspunkt von Raum und Zeit – und da passieren die unwichtigsten und die wichtigsten Dinge gleichzeitig: „Der Salamander fiel in ein Wasserloch / Und ertrankt, / Während eine Erdkröte gerettet wurde, / Einen Tag zuvor in Kalifornien.“ Und wieder einmal geht es um den Tod und die Liebe und die poetische Flucht aus der Melancholie. Und irgendwie wird die Vorstellung einer Endgültigkeit auch schon wieder komisch, wenn es heißt: „Der Tod ist das Ende vom Tod.“ So eine Formulierung dreht sich ebenso wirr in unserem Hirn wie die Aussage „Ich lüge“ – aber die Wahrheit ist ja eben das Gipfelkreuz des Sisyphos.
Über eine Buchbesprechung von IHNEN würden wir uns auch sehr freuen! Bitte verwenden Sie dafür unser Buchbesprechungs-Formular oder schicken Sie uns eine E-Mail an buchtipp@leselotse.de.
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